Ostseetour 2003: Seite 1

Segeltour mit "Argo" nach Rügen 2003 (Seite 1)

Einmal im Jahr muss eines von unseren Schiffen Seeluft schnuppern und Salzwasser unter dem Kiel haben. Wie schön ist es, dass wir in Berlin Wannsee wohnen und damit Anschluss zu allen Ozeanen dieser Welt haben. Welche Großstadt hat das schon? Von unserem Haus ist es nicht weit zum Wasser! Fünf Minuten Fußmarsch zum Liegeplatz, Mast gelegt, Leinen los und schon können wir auf dem Weg zur Ostsee sein. Nur gute drei Tage beschaulicher Kanal- und Flussfahrt liegen vor uns, weniger als fünf Schleusen, ein Schiffshebewerk und schon schwimmt unser Schiff wieder im Salzwasser.


"Argo" ist reisefertig, Der Mast gelegt, Schlauchboot vertäut.

Nun aber unser jährlicher Ostseeurlaub in ordentlicher chronologischer Reihenfolge. Start war am 4. August, ganze drei Wochen hatten wir Zeit um Rügen zu erkunden. Wie immer war dies und das zu besorgen, mitzunehmen, zu verstauen und festzuzurren, so dass wir erst 16:15 Uhr die Leinen loswarfen, um endlich über Wannsee und Havel Kurs nach Norden zu nehmen.


Berlin-Wannsee Alsenstraße 28, "Leinen los"


Auf der Havel nordwärts nach Spandau

Gegen 18:00 Uhr erreichten wir die neue Schleuse in Spandau, bei der man sich meist in Geduld üben muss und durchaus 1-11/2 Stunde Wartezeit einrechnen muss: Dies gilt besonders im Sommer, wenn wegen der niedrigen Wasserständen Sportboote selten geschleust werden. Kurz nach 19:00 Uhr konnten wir mit einem Schuba (Berliner Mundart für meist polnische "Schubeinheiten") auf den Tegeler See und waren froh mit dem letzten Büchsenlicht den neu angelegten Jachthafen in Henningsdorf zu erreichen. Das Restaurant Skipper und der nette Hafenmeister sind wirklich empfehlenswert.


Jachthafen. Henningsdorf Süd, Der freundliche Hafenmeister


Oder-Havelkanal,. Stahlwerk Henningsdorf

Gestärkt durch Kaffee und frische Brötchen geht es havelaufwärts am Stahlwerk Henningsdorf vorbei nach Oranienburg. Am Lehnitzsee erwartet uns die zweite Schleuse. Auch hier kann es schon einmal sein, dass man eine gute halbe Stunde warten muss. Die Schleuse ist so groß, dass man aber dann doch sehr schnell mit der Berufsschifffahrt zusammen geschleust wird. Der Schleusenmeister achten dann auf die "dichteste Bootspackung". Oft kann man dann dabei an größeren Schiffen längsseits festmachen, was den Schleusenvorgang ungemein erleichtert. Sehr praktisch, bei einem Schleusenhub von guten 6 Metern wird das Schleusen dann zu einem Kinderspiel. Vorsicht vor dem Schleusenwasser der Berufsschiffe und "Schubas". Wenn die großen Pötte sich langsam aus der Schleuse ziehen muss das Boot noch gut durch Fender und Leinen "gestützt" werden. Andernfalls drohen dann doch ein paar Schrammen. Wohl demjenigen, genügend Leinen und Fender ausgebracht hat und der nicht unnötig in Hektik gerät. Alles hat seine Zeit und die Schleusenmeister geben oft sehr hilfreiche Anweisungen.


Schleuse Oranienburg, zunächst geht es aufwärts zur Oder

Nach der Schleuse Oranienburg kommt der langgestreckte Teil des Oder-Havel-Kanals. Er wurde in den Jahren 1909/14 angelegt. Die Notwendigkeit ergab sich aus der steigenden Binnenschifffahrt und dem Einsatz größerer Schiffe. Hier kommt erstmalig die Selbststeueranlage zu Geltung. Schnurgerade zieht "Argo" ihre Bahn, geschoben von dem unverwüstlichen und supersparsamen Honda 5 PS Viertakt. Gut einen Liter Normalbenzin pro Stunde mehr muss nicht sein. Auch das treue Schlauchboot bleibt eisern auf Kurs. Aber Vorsicht, auf dem Kanal ist viel Schiffsverkehr und alle Stahlbrücken lenken den Kompass der Selbststeueranlage ab. Besser ist es in jedem Fall ,wenn man von Hand steuert. So erlebt man wenigstens keine bösen Überraschungen. Wenn man mindestens zu zweit an Bord ist, hat die Kanalfahrt hat auch ihre Reize. So kann man in aller Ruhe alle Plünnen verstauen, Seekarten sortieren und endlich auch mal in aller Ruhe ein Buch lesen.


Der unverwüstliche und supersparsame Honda 5 PS Viertakt


Die Backbordwinsch


Wenige Kilometer vor dem Schiffshebewerk

Der zweite Tag der Fahrt endet mit einer Riesenattraktion. Die Fahrt geht über das größte Schiffshebewerk der Welt. Es liegt ca. 10 km östlich von Eberswalde, welches auch durch seine Spritzkuchen weltbekannt ist. Der Bau des Schiffshebewerkes wurde 1927 begonnen. Nach siebenjähriger Bauzeit wurde es 1934 dem Verkehr übergeben und funktioniert bis heute ohne wesentliche technische Probleme. Das Hebewerk ist etwa 60 m hoch, 94 m lang und 27 m breit. Der Trog, in dem die Schiffe 36 m gehoben bzw. gesenkt werden, wiegt einschließlich Wasser etwa 4300 t. Er hat eine Wassertiefe von 2,50 m und hängt an 256 Stahlseilen, Gegengewichte aus Beton gleichen das Gewicht aus. Der Vorgang des Hebens oder Senkens dauert 5 Minuten. Von der Einfahrt bis zur Ausfahrt des Schiffes werden ca. 20 min. benötigt und auf diese elegante Art und Weise hat man aus technischer Sicht gesehen etwa 15 Schleusen gespart. Praktisch oder nicht?


Der Fahrstuhl für Schiffe "Schiffshebewerk Niederfinow"


So sieht der Blick ins Oderland aus


Auch hier gilt die größte Packungsdichte


Mächtige Ständerkonstruktionen


Die idyllische Stadt Oderberg am Eingang zum Oderland

Hinter dem Schiffshebewerk beginnt die Oderlandschaft. Nach kurzer Fahrt ist man in Oderberg, kann dort gut und bequem Einkaufen und vielleicht noch ein Eis essen. Dann fährt man an einer idyllischen Landschaft vorbei, dem Oderbruch, der immer wieder wechselnde Ansichten hat. Es ist eine schöne Parklandschaft, in der immer wieder kleine Ortschaften oder Gutshäuser liegen. Besonders schon sind die Orte Stolzenhagen, Stolpe und kurz vor der polnischen Grenze Gartz. Alle diese Orte kann man über den Hohensaaten-Friedrichstaler Kanal erreichen, den parallel zur Oder verläuft und der so gut wie keine Strömung hat. Die Orte sind gut touristisch erschlossen und selbst in den Hauptsaisonzeiten nicht überlaufen. Hier gehen die Uhren noch gemächlich und an den Bollwerken direkt in den Städten kann man umsonst liegen. Die Zollformalitäten in Mescherin kurz hinter Gartz sind unkompliziert. Man legt kurz am deutschen Zollschiff am westlichen Ufer an, zeigt den Personalausweis und die Schiffspapiere und kann nach kurzer Zeit stromaufwärts zum gegenüberliegenden polnischen Zoll fahren. Dort muss man je nach Beamten entweder nur die Personalausweise und Schiffpapiere zeigen oder auch zusätzlich eine handgeschriebene Crewliste aufstellen, die man beim Ausklarieren wieder vorzeigen und ggf. auch wieder abgeben muss. In Polen muss man ein bißchen flexibel sein und das hat auch gewisse Vorteile.


Stettin und die letzten Brücken vor der Ostsee

Etwa 15 km vor Stettin trifft man wieder auf die Westoder, die unmittelbar in die Stadt führt. Hier kommen dann die letzten Brücken vor der Ostsee, die eine Ducrhfahrtshöhe von ca. 4 m haben. Wenn die Oder kein Hochwasser führt, passt "Argo" bedenkenlos mit gelegtem Mast durch die Brücken. Man sollte aber vorsichtig navigieren, auch deshalb weil immer noch viele "Schubas" unterwegs sind. Dann wird es in der Nähe der Brücken ganz schnell eng.


In einem Restaurant am Rathauspark

Stettin hat im Rathaus- und im Schlossbereich eine sehr schöne Wasserfront. Dort findet man auch sehr schöne und preiswerte Restaurants. Man sollte aber immer in Slottys tauschen, dann ist es billiger und man braucht nicht immer umzurechnen. Hinter dem Altstadtbereich befinden sich sofort die Seehäfen und die angrenzenden Industriegebiete, die sich an der ganzen Odermündung entlang ziehen. An der Stettiner Stadtgrenze direkt unter einem steinernen Mahnmal auf der linken Seite der Oder befindet sich der alte "kaiserliche Jachthafen" die Marina Wroclaw. Wer Zeit hat sollte vielleicht noch bis nach Ziegenort fahren. Dort kann auch wieder ausdeklariert werden. Es müssen lediglich die Papiere gezeigt werden und ein entsprechender deutscher Zielhafen angegeben werden.


Stettin Seehafen


Stettiner Hochofenlandschaft


Die "Odra" kurz nach Sonnenaufgang


Die "Wassertankstelle" in Ziegenort. Benzin Marke "Pinselreiniger"

In Ziegenort ist eine Tankstelle direkt am Fischerhafen. Aber Vorsicht! Man spart zwar ca. 20 Cent am Liter, aber diesmal lies die Qualität zu wünschen übrig. Wir sind uns wirklich nicht sicher ob es wirklich Motorenkraftstoff oder eher Pinselreiniger war. Jeden falls stank der Motor auf der Fahrt immer eigenartig, so als ob man Farbe frisch verstrichen hatte. Diese Lösemittelgeruch hat uns dann fast die ganze Fahrt begleitet und hörte erst wieder auf, als wir frisch in Deutschland guten "Vergaserkraftstoff" tanken konnten. Von Ziegenort fuhren wir dann nordwestwärts durch das Stettiner Haff in den Peenestrom. Vorsicht im Haff gibt es unzählige Fischernetze. Es empfiehlt sich deslalb nicht spät abends oder in der Nacht das Haff zu queren. Auch tagsüber muss man gut Ausschau halten, wenn man abseits des Hauptfahrwassers in ausreichender Wassertiefe fährt. Die Stellnetze darf man nur an den Seiten passieren, wo weisrote Fähnchen bzw. Schilder sind und da nur auf der weissen Seite. Selbst wenn man den Eindruck hat zwischen den Stellnetzen ist ausreichend Platz kann plötzlich, ohne dass man Schwimmer bemerkt, eine Querleine mit Reusen auftauschen in der man sich verfangen kann. So ist es uns selbst passiert, wir konnten gerade noch rechtzeitig aufstoppen. Bei der Fahrt in die deutschen Gewässer muss man unbedingt das polnische Zollschiff passieren. Es reicht wenn man in etwa 10-20m Abstand vorbeifährt, so dass der Name des Schiffes von den Beamten erkannt werden kann. Andernfalls kann es sein, dass man von einem schnellen Schlauchboot verfolgt wird. Keine Angst es passiert nicht. Man will nur den Namen des Schiffes wissen und das dient nur der eigenen Sicherheit. Vom Zollschiff braucht man gute 5 Stunden dann läuft man in den Peenestrom ein und kommt bald an der Peenemündung vorbei. Hier kann man auch gut ankern und in der Mündung ein bißchen verweilen. Wir hatten aber einen Termin einzuhalten, deshalb mussten wir noch in Nacht und Nebel bis nach Wolgast, wo wir genau um 23 Uhr am vereinbarten Treffpunkt waren.


Wolgast Stadthafen


Stadtansicht von Wolgast mit Peenestrom


Wolgast Stadthafen von oben. Argo ist zweites Boot von vorn.

Der Rundumblick von der Wolgaster Kirche. Es ist eine wunderbare und auch eine geschichtsträchtige Landschaft. Wußten Sie, dass Gustav Adolph nach dem dreißigjährigen Krieg verstarb und hier nach Schweden verschifft wurde. Fast auf dem gleichen Platz hatten wir Argo vertäut. Von hier geht es weiter in Richtung Greifswalder Bodden.


Weiter Nordwärts in den Peenstrom


Frischer Segelwind auf dem Greifswalder Bodden


Jungmann Sebastian mit Blick nach vorn

Auf dem Greifswalder Bodden hatten wir wider Erwarten sehr frischen Segelwind aus Ost. Argo konnte so alle ihre guten Eigenschaften unter Beweis stellen. Nur unter Großsegel kam sie raumschoots in Gleiten, wobei sie Spitzengeschwindigkeiten bis zu 13 Knoten erreichte. Sie liegt dann noch gut auf dem Ruder. Allerdings hat das Schlauchboot dann Mühe mitzukommen wie man auf dem Bild sehen kann.


Strahlsund Volkswerft mit eigenem Yachthafen


Die Strehlasundbrücke am Dänholm öffnet

Die Strehlasundbrücke öffnet für die Fahrt nach Hiddensee. Hier weht schon die Luft der Ostsee und Strahlsund hat schon die berühmte maritime Atmosphäre einer echten Hafenstadt. Ab 2004 liegt die Original "Gorch Fock" im Hafen, die mit viel Enthusiasmus in der Volkswerft restauriert wurde. Argo hat eine besondere Beziehung zu Strahlsund und speziell zum Fischereihafen auf dem Dänholm. Argo wurde hier als Schale gekauft, schwimmfähig gemacht und nach Berlin geholt. So muss sie dann dem Fischereihafen wenn sie an der Strehlasundbrücke vorbeikommt immer einen kleinen Besuch abstatten. Die Fahrt nach Hiddensee dauert gute drei Stunden . Man muss gut innerhalb der Tonnen bleiben. Am Rand der Rinne ist es sehr untief. Unterwegs begegnen wir Frank Leusch mit dem Schwesterschiff von Argo, der gerade von der Hanse Sail in Rostock zurückkommt. Seine Sportster hat sich wacker in der Regatta geschlagen. Schade sein Kurs geht nach Süden. Eigentlich wollten wir eine kleine Privatregatta fahren, aber Argo ist ja für einen 3-wöchigen Familienurlaub beladen und hat eine Schlauchboot im Schlepp.


Das knallrote Gummiboot auf dem Weg nach Hiddensee

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Diese Seite wurde zuletzt am 21.03.2008 um 22:53 Uhr aktualisiert.
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