Ostseetour 2004: Seite 1

Jetzt schon zu dritten Male richtet Argo ihren Bug wieder nach Norden, zur Ostsee. Nach verschiedenen schönen Törns auf den Berliner Gewässern möchten wir wieder Seeluft schnuppern und Salzwasser unter dem Kiel haben. Wie schon im letzten Jahr beschrieben sind wir stolz darauf, dass wir hier in Berlin-Wannsee Anschluss zu allen Ozeanen dieser Welt haben. So ist alles nur eine Frage des Urlaubs und der Motivation.

Der Urlaub reicht dieses Jahr leider nur wieder für einen Rügentörn. Diesmal wollen wir aber noch in bisschen weiter an der polnischen Küste voran. Deshalb schnell den Mast gelegt, dem sehr gastlichen Bootshaus "Alsen" und der guten und immer noch attraktiven Frau Bohnenstengel "Auf Wiedersehen" gesagt. Leinen los, denn heute schaffen wir es noch bis Henningsdorf, dem Yachthafen im Norden von Berlin mit dem mediterranen Flair und der holländischen Zugbrücke.


Liegeplatz "Alsenstrasse 28"

Das Mastlegen ist bei der Sportster kein großes Problem. Baum am Lümmelbeschlag aushängen, Baumniederholer los, Baum rechts oder links auf die Reeling legen und kurz mit einem Stropp fixieren. Dann das Achterstag kurz losgeben, die Jütttalje vorn auf Funktion kontrollieren und loses Ende auf der Vorschiffsklampe belegen, dann den Jüttbeschlag unten aushängen, Vorsicht den Bolzen nicht ins Wasser fallen lassen und schließlich den Mast mit der Jütttalje langsam Hand über Hand in die hintere Mastsstütze absenken. Das klingt alles ein bisschen kompliziert. Aber wenn man das Mastlegen einmal in Ruhe gemacht hat, ist es nicht schwierig und kann leicht alleine vorgenommen werden.


Argo reisefertig zur Ostsee mit gelegtem Mast


Der Baum liegt auf Steuerbordreeling und hält den Eingang frei

Wichtig ist, dass das Solarpanel mit einem Segelsack (z.B. Fock) geschützt wird und der Baum auf dem Kajütdach etwa in Höhe der Deckshauswinsch mit einem Fender unterstützt wird. Der Baum muß beim Absenken des Mastes vorm am Mast gut frei liegen, damit die Segellatten nicht zu sehr unter Spannung kommen. Wenn der Mast fest in der hinteren Stütze liegt, kann alles gezurrt und aufgeklart werden. Mit Stropps und Bändseln wie auf dem Bild, kann ganz schnell Ordnung an Deck geschaffen werden. Auch nach dem Mastlegen ist eine Deckseite, auf dem Bild das Backborddeck, frei zu begehen. Schade nur, dass die Solarzelle nach dem Mastlegen keine Leistung mehr bringt. Vielleicht finden wir eine passende Solarzelle mit ausreichender Leistung, welche zwischen Mastfuß und Vorluck passt und eine ausreichende Leistung bringt.


Sieht alles ein bisschen kompliziert aus, lässt sich aber leicht wieder stellen

Auch von vorn gesehen sieht die Wuhling gar nicht so schlimm aus. Aber das ist ja das Schöne an einem Segelschiff, man hat immer eine angenehme Tätigkeit, aber ein bisschen praktisches Geschick muß man schon beim Segeln mitbringen.


Ansicht von vorn. Der Laufgang an Backbord ist frei.

Schnell auch noch einen Blick nach hinten! Der zuverlässige Honda 5 PS Viertakt läuft ganz gut schallgedämpft unter einer Abdeckung, auf der man viele Dinge abstellen kann. Bei gutem Wetter kann dort auch ein Kocher stehen.


Blick nach achtern. Die Ablage zwischen den Ruderbänken ist ein toller Schallschutz

Die Oranienburger Schleuse an der nördlichen Stadtgrenze ist das Berliner Tor zur Ostsee. Dort geht es erst einmal 8 Meter nach oben zum "Oder-Havel-Kanal". Achtung hier gibt es "Oberwasser". Vorsicht mit dem Boot in der Schleuse und nicht so weit nach vorn, weil das Wasser kräftig einläuft und für Turbolenzen sorgt. Sehr angenehm ist es, wenn man in der Schleuse an einem anderen größeren Schiff festmachen kann. Dann geht es ganz „easy“ nach oben oder unten.


Achtung, die Bordfrau bekommt „Oberwasser“


Autobahnverkehr auf dem Oder-Havel-Kanal. David überholt Goliath

Auf dem Oder-Havel-Kanal ist viel Betrieb. Voraus fährt die "Mona Lisa", ein Flußkreuzfahrer, von denen man viele auch in den Haff- oder Boddengewässern antreffen kann. Daneben ist ein "Charterboot" mit einem ungestümen Freizeitskipper, der den Oder-Havel-Kanal mit einer Autobahn verwechselt. Er setzt immer wieder zum Überholen an. Wir dagegen genießen die Kanalfahrt, hier fängt schon der Urlaub an, weil bei einer beschaulichen Fahrt mit nur 8 km/h schon die ersten Urlaubsbücher gelesen werden können.


Mit Strohhut Marke "Erichs Sommerfrische" und frohem Mut nach Osten

Nach guten 8 Stunden Kanalfahrt erreichen wir das mächtige Schiffshebewerk Niederfinow. Es ist ein gutes Beispiel deutscher Ingenieurskunst. Gebaut wurde es von 1927 bis 1934, ist immer noch voll funktionstüchtig und ein wichtiger „Schiffs-Fahrstuhl" am Oder-Havel-Kanal.

Das Schiffshebewerk Niederfinow


Das Schiffshebewerk Niederfinow 1934

Am 17. Juni 1914 wurde der Großschifffahrtsweg Berlin - Stettin mit der Eröffnung der imposanten Schleusentreppe Niederfinow dem Verkehr übergeben. Für Kaiser Wilhelm II stellte der Bau eine persönliche Großtat dar, weshalb er dem Bauwerk den Namen "Hohenzollernkanal" gab.

Die Kapazität der Schleusentreppe wurde schnell ausgeschöpft und so kam es zum Bau eines Schiffshebewerkes. Es wurde von 1927 - 1934 erbaut und ist noch bis zur heutigen Zeit ein Wunder der Technik. Die gigantischen Ausmaße waren zur damaligen Zeit revolutionär und verlieren auch heute nicht an Faszination.

Das Schiffshebewerk ist bis heute ein wichtiger Teil der Wasserstrasse von der Havel bis zur Oder. Natürlich wird bei hoher Beanspruchung auch das Material müde, und somit kam es zuerst in den 80er Jahren zu einer Generalüberholung der Zugseile, Seilscheiben, Dichtungen und Antriebsmotoren. Bis heute sind keine nennenswerten Defekte aufgetreten.

Das Schiffshebewerk Niederfinow stößt natürlich bereits seit langer Zeit an seine Kapazitätsgrenzen. Aus diesem Grund ist bereits seit einigen Jahren ein neues Schiffshebewerk in Planung. 2006 könnte Baubeginn sein, zwischen dem alten Schiffshebewerk und der alten Schleusentreppe.

Kurz vor dem Hebewerk führt, wenn man von Westen kommt, ein Stichkanal nach Backbord zur alten Schleusentreppe. Dort kann man in der Nähe von kleinen Ausflugsdampfern, die mit Touristen das Schiffshebewerk befahren, über Nacht ruhig und ungestört liegen. Wir unternehmen einen kleinen Ausflug zur alten Schleusentreppe.


Schleusenkammer an der alten Schiffshebetreppe in Niederfinow

Die Konstruktion der alten Schleusentreppe beeindruckt immer noch. Fachkundige Informationen bekamen wir von einem ehemaligen Schleusenmeister, der uns die Wasser-sparende Technik erklärte.


Informationen vom alten Schleusenmeister


Verbandsbetrieb beim Auf- und Abschleusen

In den vier Schleusenkammern wurden die Schiffe immer im Verband geschleust, d.h. in jeweils zwei Schleusenkammern konnten die Schiffe gegensinnig bewegt werden. Das Wasser beim Abwärtsschleusen in der einen Kammer konnte so in der benachbarten bzw. in der darunter liegenden Schleusenkammer zum Aufwärtsschleusen benutzt werden.


Funktionsbetrieb der „Wassersparbecken“

Überschüssiges Wasser wurde in so genannten „Wassersparbecken“ gesammelt und konnte so immer wieder verwendet werden. Elektrische Treidellokomotiven zogen die Schiffe von Kammer zu Kammer, damit wurde Treibstoff gespart werden.


Eine der alten Schleusenkammern

Die Schleusenkammern hatten verhälnismäßig große Ausmaße und waren für den Plauer Maßkahn (65 m Länge, 8 m Breite, 650 Tonnen Wasserverdrängung) ausgelegt. Ein Durchschleusung der gesamten Schleusentreppe dauerte etwa 2 Stunden.


Blick in die Wassersparbecken

Die Wassersparbecken sind heute immer noch in einem guten Zustand, so als wenn die Schleusen bald wieder in Betrieb genommen werden könnten. Wiederum gute deutsche Ingenieurkunst. Große Probleme gibt es nach den Angaben des alten Schleusenmeisters mit dem Kanalbett im Bereich vom Schiffshebewerk bis hinter Eberswalde. Die intensive Befahrung des Kanals mit polnischen Schubeinheiten, auch schon in der Vorwendezeit, hat das Tonbett des Kanals geschwächt. Auch unter diesem Gesichtpunkt ist es unbedingt nötig, dass der Kanal nur im Einbahnverkehr befahren werden kann. Soviel zur Kanal- und Schiffstechnik. Im nächsten Bericht wollen wir vielleicht die Technik des Hebewerks beschreiben.

Vom Schiffshebewerk Niederfinow geht die Fahrt weiter über Oderberg, Hohensaaten, dann links in den Friedrichstaler Kanal nach Schwedt, dort dann nach rechts über die Oderquerfahrt zur Ostoder. Und dort beginnt endlich die große entspannende Flußfahrt.


Die Ostoder

Bei der Fahrt auf der Ostoder kommt schon das Gefühl an einen großen Strom auf. Wie gewaltig müssen erst die Ströme in Russland sein oder auch in Südamerika.


Freundliche Abfertigung an der deutschen Grenzstation

Auf halben Wege zwischen Schwedt und Stettin erreichen wir die Grenzstation Greifenhagen (Gryfino) und werden dort sehr freundlich vom deutschen Zoll begrüßt. Wir erhalten zahlreiche Tipps, auch schon auch deshalb, weil der Grenzbeamte auch Wassersportler ist. Zur polnischen Seite müssen wir gar nicht, sondern wir können direkt unseren Weg nach Stettin fortsetzen.


Die polnische Seite muß auf der Fahrt nach Norden nicht angelaufen werden.

Diesmal wollten wir einen etwas anderen Weg zur Ostsee nehmen, d.h. schnell durch Stettin und dann über den Dammschen See parallel zur Oder. Leider öffnete die letzte Stettiner Brücke an der Ostoder nicht. Trotz gelegtem Mast und achterlicher Trimmung war es mit der Durchfahrthöhe so knapp und die Strömung so stark, dass wir dann doch lieber den sicheren Weg über die Westoder wählten. Gut zwei Stunden später erreichten wir dann endlich den Dammschen See. Dort konnten wir den Mast stellen, alles seefest trimmen und uns auf die Ostsee einstellen. Am nächsten Tag segelten wir mit gutem Wind über den Dammschen See nordwärts, vorbei an Kormorankolonien, durch idyllische Querfahrten wieder auf die Oder zurück und nach Ziegenort zum ausklarieren.

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Diese Seite wurde zuletzt am 17.03.2008 um 00:12 Uhr aktualisiert.
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